LINTRONICS ADVANCED UPDATE FÜR MEMORYMOOG

Fast jeder Memorymoog-Besitzer dürfte im Laufe der Jahre ein ambivalentes Verhältnis zu diesem Instrument entwickelt haben: Positiv schlagen sicher die fetten, "analogen" Sounds und die enormen klanglichen Ressourcen dieses Synthesizers zu Buche, auf der anderen Seite werden die Nerven durch die schon sprichwörtliche Anfälligkeit und Unzuverlässigkeit des Memorymoog strapaziert und man ist ein oft - wenn auch nicht unbedingt gern - gesehener Gast in der Servicewerkstatt. Frust ohne Ende?

Keineswegs. Unter der Bezeichnung ADVANCED MEMORYMOOG bietet nämlich die Firma Lintronics in Nürnberg ein Update des Instrumentes an, welches so umfassend ist, dass es den Memorymoog mit einem Schlag wieder in die vordere Riege der polyphonen Synthesizer katapultiert. Die Umrüstung erstreckt sich dabei sowohl auf die Hard- als auch auf die Software und beinhaltet - wie könnte es anders sein - auch die Midifizierung des guten alten Stücks.
Allerdings ist in den Augen des Vaters dieses ADVANCED MEMORYMOOG, Rudi Linhard, die Midifizierung eher von sekundärer Bedeutung. Linhard war es vorrangig wichtig, die konzeptionellen Schwächen im elektronischen Innenleben des Instrumentes zu beseitigen und den Memorymoog in ein zuverlässiges und stimmstabiles (!) Instrument zu verwandeln. Um dies zu erreichen, wurde einerseits die Hardware des Gerätes in weiten Bereichen modifiziert, andererseits das Betriebssystem von Grund auf neu geschrieben.
Da es den Rahmen dieses Berichtes sprengen würde, Aufbau und Funktionsweise des "normalen” Memorymoog noch einmal ausführlich zu beschreiben. beschränke ich mich auf die Darstellung der Unterschiede zwischen der alten und der neuen Version. Wer sich über Aufbau und Funktionsweise des serienmäßigen Memorymoog informieren will, der sei auf den Artikel SYNTHESIZER VON GESTERN in KEYBOARDS 10/89 verwiesen.


Hardware

Die Hardware des Memorymoog wird beim Umbau in folgenden Punkten modifiziert:
Auf der Rückseite des Gerätes, genauer: auf der Abdeckplatte des Expansion-Slots, werden vier zusätzliche Buchsen installiert: zwei MIDI- Buchsen (IN/OUT) und zwei zusätzliche Audioausgänge in Form einer Stereo- und einer Mono-Klinkenbuchse. An die Stereo-Buchse lässt sich ein hochohmiger Stereokopfhörer anschließen. Wird zusätzlich die zweite (Mono-) Buchse verwendet, so teilt sich das Stereoausgangssignal auf beide Buchsen auf, wobei die Position der sechs Stimmen im Stereopanorama intern festgelegt ist. Die Lautstärke des Stereo-Ausgangs kann nur mit dem PROGRAMMABLE-VOLUME Poti geregelt werden und ist pro Sound abspeicherbar

- Das Netzteil wird auf kalte Lötstellen untersucht und roadtauglich gemacht.

- Die sechs Voice-Cards werden ausgebaut, getestet, gegebenenfalls repariert und für das AUTOTUNE modifiziert. Durch diesen Umbau arbeitet das Autotune präziser Und außerdem ist die Langzeitstabilität der Oszillatoren gewährleistet.

- Das DEMUX-BOARD wird ausgebaut geprüft, auf kalte Lötstellen untersucht und für PITCH BENDING, MODULATION WHEEL, FOOTPEDAL 1 und OCTAVE PLATINE umgebaut.

- Das COMMON ANALOG BOARD wird ausgebaut, geprüft, auf kalte Lötstellen untersucht, gegebenenfalls repariert und für PITCH BENDING, MODULATION WHEEL, FOOTPEDAL 1, STEREO OUTPUT und TRANSPOSE umgebaut. Nach diesem Umbau wird das Filter bei aktivierter KEYBOARD-TRACKING-Funktion nicht mehr nur über die Tastaturspannung angesteuert, sondern auch Transpose-Schalter, Tune-Regler und Pitch-Wheel beeinflussen die Eckfrequenz des Filters.

- Das OCTAVE BOARD wird dahingehend modifiziert, dass die Stellung des Oktav-Tasters für jeden Sound abgespeichert werden kann.

- Das DIGITAL BOARD wird dahingehend umgebaut, dass die Reset-Schaltung zuverlässig arbeitet.

Sämtliche Potiknöpfe werden entfernt, die beiden FRONT PANEL BOARDS werden ausgebaut, alle Potis geprüft und gegebenenfalls ersetzt. Das FRONT PANEL wird gereinigt, fehlende oder defekte Knöpfe werden durch Originalteile (soweit verfügbar) ersetzt.


Software

Das neu geschriebene Betriebssystem des ADVANCED MEMORYMOOG macht zum einen die Bedienung des Instrumentes entschieden einfacher, da jetzt deutlich mehr Information im Display erscheint als vorher. Zum anderen bieten sich einige Möglichkeiten, die man bei einem nicht-modifizierten Memorymoog vermisste. Hier die wichtigsten Unterschiede:

- Die Stellung der Oktavtaster ist jetzt pro Sound abspeicherbar.

- Für die Poti-Einstellungen werden im Display Werte von 0 bis 127 angezeigt (statt früher 0 bis 100). Allerdings vergrößert sich hierdurch nicht der Regelbereich, sondern lediglich die Auflösung ist feiner.

- Wird der Keyboard-Mode verändert, so erscheint im Display nicht mehr nur "Edit", sondern es wird stets die gewählte Betriebsart in Klartext angezeigt. Die Eingabe von Betriebsart und gewünschter Stimmenzahl ist zudem bequemer, da sie nicht noch jeweils mit ENTER bestätigt werden muss.

- Neu hinzugekommen ist außerdem die POTLOCK-Funktion, mit der die Abfrage der Potentiometer durch den Prozessor gesperrt werden kann. Dadurch wird das Gerät zum einen gegen versehentliches Editieren (z. B. im Live-Betrieb) gesichert, zum anderen wird Rechenzeit gespart, wodurch zusätzliche Leistungsreserven des Prozessors aktiviert werden können. So sind z. B. bei aktivierter POTLOCK-Funktion schnellere Arpeggien möglich. und es können eingangsseitig mehr MIDI-Daten verarbeitet werden.

- Zusätzlich zur normalen HOLD-Funktion des Memorymoog, bei der es sich ja genau genommen um eine CHORD-MEMORY-Funktion handelt, wurde eine KEY-HOLD-Funktion implementiert. die der HOLD-Funktion anderer Synthesizer (z. B. von Roland) entspricht.

- Die Möglichkeiten des Arpeggiators wurden um eine Split-Funktion erweitert, die es ermöglicht, auf den zwei unteren Oktaven der Tastatur zu spielen, während die oberen drei Oktaven für das Arpeggio reserviert sind. Alle Arpeggio-Betriebsarten (UP, DOWN, UP/ DOWN, jeweils mit oder ohne Split) können in Verbindung mit der KEY-HOLD-Funktion gespielt werden. Der Arpeggiator arbeitet dann quasi "von alleine”.

- Wollte man beim alten Betriebssystem den Programm-Sequenzer aufrufen und er war leer, so führte das zum "Absturz" des Betriebssystems. Dies passiert beim neuen Betriebssystem nicht mehr. Hier erscheint lediglich im Display die Meldung "Cleared".

- Der System-Controller wird mit dem Taster C aufgerufen. Vom Hauptmenü aus lassen sich durch Eingabe der entsprechenden Ziffer Kassetten-Dump und MIDI-Dump aktivieren, und auch die MIDI-Empfangs- und Sendekanäle werden hier festgelegt. Durch Anwahl der Ziffern 9 und 0 gelangt man in die beiden Untermenüs für MIDI und SERVICE. Abbildung 1 zeigt die Belegung aller Menüs in der Übersicht.
 

Abbildung 1


MIDI

In Sachen MIDI ist der ADVANCED MEMORYMOOG sehr reichhaltig ausgestattet. Er bietet OMNI MODE und POLY MODE sowie LOCAL-OFF-Funktion, und sowohl Sende- als auch Empfangskanal lassen sich vom Anwender beliebig bestimmen.
Darüber hinaus stehen sechs Datenfilter zur Verfügung: WHEELS ON/OFF, POTENTIOMETER ON/OFF, SCHALTER/TASTER ON/OFF, PROGRAM-CHANGE ON/OFF, SYSTEM-EXCLUSIVE ON/OFF und RESTLICHE CONTROLLER ON/OFF. Bis auf WHEELS ON/OFF (nur MIDI-In) wirken die Datenfilter gleichermaßen auf ein- wie ausgehende MIDI-Daten.
Über System-Exclusive können Sounds abgespeichert und geladen werden - entweder einzeln oder als komplette 100er Bank.
Der ADVANCED MEMORYMOOG empfängt Program-Change-Informationen, Channel-Pressure (Aftertouch, beeinflusst die Modulation) sowie die Controller 1 (Modulation-Wheel), 2 (Breath-Controller, wird als FOOTPEDAL 1 interpretiert), 4 (Foot Controller, wird ebenfalls als FOOTPEDAL 1 interpretiert), 5 (Portamento Amount) und 7 (Main Volume, beeinflusst PROGRAMMABLE VOLUME). Polyphonic-Key-Pressure- und Velocity-Informationen werden ignoriert.
Sämtliche Potentiometer, Schalter und Taster am Memorymoog können direkt über MIDI angesprochen werden, so dass sich z. B. Reglerbewegungen über MIDI in Echtzeit ausgeben und auf einer Sequenzerspur aufzeichnen lassen. Dadurch können kontinuierliche Klangveränderungen problemlos in ein Sequenzerfile integriert werden.


Bankloader/Manager-Software

Für den ADVANCED MEMORYMOOG existiert bereits ein Bankloader/Manager-Programm (genannt L.A.M.B.) für den Atari ST, also eine Software, die für das Abspeichern, das Laden und die Verwaltung von Sounds gedacht ist, aber nicht deren Editierung.
Das Programm unterteilt sich in vier verschiedene Arbeitsbereiche: MAIN-PAGE, FOLDER-PAGE, HELP-PAGE und MULTI-WAVE-PAGE.
Benennung, Kategorisierung (es stehen 11 Kategorien zur Auswahl) und Sortieren von Klängen erfolgt auf der Folder-Page. Die Sounds können alphabetisch oder nach Kategorien sortiert und bei Bedarf ausgedruckt werden.
Die Help-Page bietet eine englischsprachige Kurzanleitung des Programms sowie eine Liste der erlaubten Tastaturkommandos.
Von der Main-Page aus wird der Datentransfer zwischen Memorymoog und Computer gesteuert. Auch das Kopieren und Vertauschen einzelner Sounds erfolgt in diesem Bereich, was sich bei der praktischen Arbeit jedoch als etwas umständlich erweist, da die 100 Sounds hier nur durchnummeriert, nicht jedoch - wie auf der Folder-Page - benannt sind. Eleganter wäre es sicher, wenn sich die Kopierfunktionen auf der Folder-Page vornehmen ließen.
Ein Feature besonderer Art findet sich auf der Multi-Wave-Page. Hier kann man die Sounds einer Bank als Zeichen definieren und anschließend eine "Playlist" in Form einer Zeichenkette erstellen. Beim Druck auf die Tastatur des Memorymoog werden dann die einzelnen Sounds in einem bestimmten - vom Anwender justierbaren - Tempo abgerufen. So lassen sich komplexe Jam-Loops à la Roland D-50, Übergänge zwischen Sounds, Wave-Sequencen etc. erzeugen. Der Phantasie des Anwenders sind hier eigentlich kaum Grenzen gesetzt, jedoch wird man wirklich überzeugende Ergebnisse wohl nur dann erreichen können, wenn man Art und Reihenfolge der verwenden Klänge sehr gezielt wählt.
Auf eine Edit-Page hat der Autor des Programms, Franz Branntwein, bewusst verzichtet, da "der Memorymoog selbst wohl der beste Editor ist, den man sich vorstellen kann". Wenngleich er damit sicherlich nicht Unrecht hat, übersieht er meiner Meinung nach jedoch die Tatsache, dass ein Editor auch die Möglichkeit der algorithmischen Klangerstellung bieten könnte, und dies wäre sicher bei einem klanglich so komplexen Instrument wie dem Memorymoog sicher eine sehr interessante Sache.


Praxis

Die Arbeit mit dem ADVANCED MEMORYMOOG gestaltet sich entschieden bequemer und angenehmer als mit dem "normalen" Modell. Die Bedienung ist durch die zusätzlichen Informationen im Display einfacher und schneller geworden, und die Sound-Verwaltung gerät mit Hilfe der MIDI-Schnittstelle und der Atari-Software zum Kinderspiel. Die deutsche Bedienungsanleitung ist sehr ausführlich und informativ und enthält zudem eine umfassende Übersicht über die MIDI-Implementation des Gerätes.
Was Memorymoog-Kenner jedoch mit Sicherheit am nachhaltigsten beeindrucken wird, ist die Tatsache, dass der ADVANCED MEMORYMOOG tatsächlich stimmstabil ist. In den zwei Monaten, die ich nun schon mit ihm arbeite, hatte ich - man höre und staune - keinerlei Probleme mehr mit dem Tuning.


Kritik

Wie bei jeder Neuentwicklung, so gibt es natürlich auch beim ADVANCED MEMORYMOOG den ein oder anderen Punkt, der noch verbessert werden könnte.
So würde ich mir z. B. wünschen, dass das Arpeggio im Splitmodus nicht nur auf die rechte, sondern wahlweise auf die rechte oder linke Tastaturhälfte gelegt werden kann. Auch die Bankloader-Software ist in bezug auf den Bedienungskomfort sicherlich noch verbesserungsfähig.
Dass sich Velocity-Informationen nicht geräteintern direkt bestimmten Adressen zuordnen lassen, ist besonders schade, da das Instrument dadurch noch weit ausdrucksstärker würde. Allerdings ergab eine diesbezügliche Nachfrage bei Rudi Linhard, dass bereits im Frühjahr ein kostenloses Update des Betriebssystems zu erwarten ist, bei dem sich dann Aftertouch, Velocity und Modulation jeweils einem beliebigen Potentiometer zuordnen lassen, womit dieser Kritikpunkt gegenstandslos würde.


Fazit

Rudi Linhard hat es tatsächlich geschafft, aus einem guten, aber anfälligen Instrument ein noch besseres und dabei zuverlässiges Instrument zu machen. Man hat den Eindruck, dass Linhard's Musikerherz für den Memorymoog schlägt, und ich bin daher sicher, dass er motiviert von den Anregungen der Anwender weiter an seinem ADVANCED MEMORYMOOG arbeiten wird. Doch reicht bereits das, was das Gerät heute schon bietet, meiner Meinung nach allemal aus, den Umbau für jeden eingefleischten Memorymoog-Fan zu einem Muss zu machen.

Matthias Becker, Keyboards 1/1991

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